Ausgabe 2 - 2018 - Matthias Pabsch

Naturkultur.Wie Kunst und Wissenschaft voneinander sehen lernen

Ich glaube, dass die Weltformel über die Intelligenz der Teilchen zu finden ist.

(Gerd Binnig)

Am 28. April 1784 war die Welt noch in Ordnung. Auch in London war von Klimawandel und globaler Erwärmung noch nichts zu spüren. Nach einem eisigen Winter, in dem sogar die Themse zugefroren war, brach endlich der Frühling an. Ein kalter und verregneter Sommer sollte folgen. Das in Jahrtausenden Eisschicht um Eisschicht gewachsene Gedächtnis der Erde verzeichnete in den ausgedehnten Gletschern noch keine signifikant erhöhte Konzentration der sogenannten Treibhausgase CO2 und CH4. An diesem Tag wurde James Watt das Patent für eine entscheidende Verbesserung der Dampfmaschine erteilt. Vom Geist der Aufklärung beseelt, hatte der Schotte die Dampfmaschine zwar nicht erfunden, aber ihren Wirkungsgrad immer weiter erhöht. Jetzt stand dem endgültigen Durchbruch der neuen Technologie nichts mehr im Weg. Doch Watt war nicht nur Praktiker und wusste die Herausforderungen der Thermodynamik zu meistern, sondern wurde von Zeitgenossen auch als Naturphilosoph geschätzt. Allerdings entzog er sich dem Werben, seine Erkenntnisse in philosophischen Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Das, was er der Welt zu sagen hatte, formulierte er in der nüchternen Sprache seiner Patentschriften. Dennoch dürfte der kluge Mann nicht geahnt haben, dass er mit seinem Patent im Jahr 2000 als Kronzeuge eines neuen Erdzeitalters benannt werden würde, als der Meteorologe Paul Crutzen im mexikanischen Cuernavaca das Anthropozän ausrief.

Seit jenem denkwürdigen Apriltag in London sind gut 200 Jahre vergangen, die es erlauben, mit einigem Abstand auf die Ereignisse und ihre Folgen zurückzublicken. Der historische Rückblick erhellt die Gegenwart. Schon im 19. Jahrhundert waren die Kollateralschäden der Wattschen Erfindung und des mit ihr eingeleiteten Industriezeitalters nicht zu übersehen: vergiftete Flüsse, abgeholzte Wälder und mit todbringendem Feinstaub belastete Atemluft. Mit der rasanten Verstädterung ging eine Entfremdung der Menschen von der Natur einher, die in der dörflichen Lebenswelt noch allgegenwärtig gewesen war. Als sei die Zerstörung der Natur Voraussetzung für ihre Wertschätzung, löste die Entwicklung gegen Ende des Jahrhunderts Gegenreaktionen aus. Erste Umweltbewegungen entstanden, Schrebergärten ermöglichten Stadtbewohnern parzellierte Naturerfahrung im Miniaturformat. Ob in den neu gegründeten Wandervereinen oder auch alleine – es wurden dunkle Wälder durchmessen und strahlende Gipfel erklommen.

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