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Editorial Dritte Natur 4 - 2/2021

Während Corona-Zahlen mit rasender Geschwindigkeit unser Leben umkrempeln, bleiben andere Zahlen – wie die zu Kohlendioxid-Konzentrationen, zur Versauerung der Ozeane oder zu Extremwetterhäufigkeiten – noch immer oft folgenlos. Dabei stehen beide Arten von Zahlen in einem engen Zusammenhang mit dem, was wir tun – oder eben nicht tun. Das Virus zeigt, wie sehr wir verletzlicher Bestandteil dessen sind, was uns umgibt. Es wäre immerhin denkbar, dass diese Einsicht auch hinsichtlich jener anderen Zahlen stärker politikwirksam wird. Die damit verbundenen Einschränkungen individueller Freiheitsrechte – seien es Mobilitätsroutinen oder Ernährungsgewohnheiten – kommen nicht mit einer Corona-App auf die Welt. Individuelle Freiheitsrechte waren immer schon verhandelbar. Als Hygienetechniken oder Verkehrsregeln gehören sie zum Bedingungsgefüge unserer Modernität, sie verbessern die Aussichten auf Gesundheit, Sicherheit und Wohlstand aller. Und sie basieren auf Zahlen samt ihren Deutungen. Käme die derzeitige epidemiologisch bedingte Verwissenschaftlichung der Politik auch den Zahlen der Biologie, Geologie oder Meteorologie zugute, wäre das eine gute Nachricht.

Auch wir versuchen mit dieser Ausgabe, einen klaren Kopf zu bewahren: Wir laufen nicht jeder ökopopulistischen Behauptung nach, klären auf über die Auseinandersetzungen um eine Kupfermine in Arizona und behalten den Dauerwald vor lauter Götterbäumen im Blick. Wir versuchen, den vermeintlichen Natur-Technik-Gegensatz vorm Horizont einer Kosmotechnik aufzulösen, rehabilitieren die oft als nutzlos oder gar störend angesehene Alge, wohnen einer ganz besonderen Sonnenfinsternis bei und denken mit Bildern und Texten wieder einmal über das Ende nach – das möglicherweise nicht vor, sondern hinter uns liegt.

Aktuelle Ausgabe

Dritte Natur

Ausgabe 4 - 2/2021 - Robert Stockhammer

„Rettet die Mücken!“Wider den Ökopopulismus

„Rettet die Bienen“ lautete der griffige Slogan eines bayerischen Volksbegehrens, das an seinem Erfolg zugrunde ging (...)

Ausgabe 4 - 2/2021 - Stephen B. Boyd

Umwelt gibt es nichtDurch eine Kupfermine droht ein staatlich subventionierter Völkermord in Arizona

Seit über einem Jahrzehnt ist im Südosten Arizonas ein dramatischer religiöser, politischer, ökologischer und ökonomischer Kampf zwischen einer Tochtergesellschaft von zwei multinationalen Bergbauunternehmen und der Apache Stronghold des San Carlos Stammes der Apachen entbrannt. (...) Aus dem Englischen von Dora Fischer-Barnicol

Ausgabe 4 - 2/2021 - Yuk Hui

Über KosmotechnikFür eine Erneuerung der Beziehung zwischen Technologie und Natur im Anthropozän

Es lässt sich kaum leugnen, dass das Anthropozän neben seiner offensichtlichen Bedeutung als neues geologisches Zeitalter auch eine Krise darstellt, die den Höhepunkt von zweihundert Jahren Industrialisierung markiert. (...) Aus dem Englischen von David Frühauf

Ausgabe 4 - 2/2021 - Annie Dillard

Sonnenfinsternis

Aus dem Englischen von Karen Nölle

Ausgabe 4 - 2/2021 - Cord Riechelmann

Nature ist nicht NaturOder von der Überlegenheit der englischen und amerikanischen Literatur

Nature Writing ist nicht bloß ein Name, der im Deutschen keine Entsprechung hat, es ist ebenso eine Wahrnehmungs- und Bewegungsform im ganz plastisch wörtlichen Sinn, wie diese Art des Schreibens eben auch englisch oder amerikanisch ist. (...)

Ausgabe 4 - 2/2021 - Tim Holland

Vier Gedichte

Ausgabe 4 - 2/2021 - Friedrich Liechtenstein und Thomas Friedl

Die Zeit der Eiche ist vorbeiJetzt ist die Zeit der Alge

Die Alge kann alles: Sie war die erste, sie ist extremophil, kryptogam, an Land, zu Wasser und in der Luft. Sie erfand, wie man sich nur mit Hilfe des Lichts, des Kohlendioxids in der Luft und mit Wasser in der Welt behauptet. (...)

Ausgabe 4 - 2/2021 - Ricarda Bethke

Zeiten im Zeichen des Götterbaumes in Berlin

Viele sprechen mit ihnen. Als Kind habe ich das oft getan. Die schattigen Tunnel der Kastanienalleen in der Uckermark, die Landstraßen, die zu den Dörfern führten, aus denen meine Schüler kamen, durchquerte ich als junge Lehrerin mit dem Fahrrad. (...)

Ausgabe 4 - 2/2021 - Wilhelm Bode

Holzanbau oder WaldökosystemwirtschaftAnforderungen an eine systemische Forstwissenschaft

Die Forstwirtschaft - oder besser: die Waldwirtschaft - erzeugt vorwiegend naturferne Kulturbiotope, den sogenannten Altersklassenwald, der nach allgemeiner Anschauung von uns als Waldnatur angesehen wird, weil wir nichts anderes kennen – was er aber nicht ist. (...)

Ausgabe 4 - 2/2021 - Kilian Jörg

Was für eine Geschichte ist das Weltenende?

Das Weltenende steht zurzeit mal wieder hoch im Kurs. Die neuen ökologischen Politbewegungen skandieren, dass es „fünf vor zwölf“ sei. (...)

Ausgabe 4 - 2/2021 - Wolfgang Welsch

Nach dem AnthropozänKünstlerische Vermutungen

Der Mensch hat auf einmal nicht mehr den Status des Leitwesens, nach dessen „einzigartigem Begriff“ alles zu begreifen ist, sondern er ist nur noch eine von vielen Erscheinungen in der Reihe der Evolution – und weder deren letzte noch ihre höchste. (...)