Ausgabe 2 - 2018 - Kevin Liggieri

Der Mensch zwischen Tier und Maschine?Zur Geschichte der Anthropotechnik

I. Der Philosoph im Supermarkt

Als der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk Ende der 1990er Jahre einen französischen Supermarkt aufsuchte, um für seine Katze Essen zu kaufen, machte er eine für ihn folgenschwere Entdeckung. Die Aufschrift des Katzenfutters irritierte und faszinierte ihn zugleich: „produit felinotechnique“. Anders als mit dem unendlich prosaischen deutschen Äquivalent „Katzenfutter“ war mit dem französischen Ausdruck „technique“ eine Fülle an ,technischen‘ Zugriffen vorstellbar, die Sloterdijk offenbar nachdenklich machten. Aus diesem prägenden Supermarkterlebnis wurde, nach Sloterdijks eigenem Bekunden, sein Begriff der Anthropotechnik geboren.

So wie Katzen und Hunde als Konsumenten ,caninotechnischer‘ oder ,felinotechnischer‘ Produkte angesprochen würden, so könne man auch den Menschen als Rezipienten ‚anthropotechnischer‘ Angebote verstehen. In dieser Anekdote wird deutlich, dass im Begriff der Anthropotechnik Mensch und Tier auf gewisse Weise zusammenrücken.

Sloterdijk war allerdings keineswegs der Erfinder des Begriffes Anthropotechnik. Zweifellos aber war er mit seinem Buch Regeln für den Menschenpark (1999) im deutschsprachigen Wissenschaftsraum sein Popularisator. Die Bedeutung, die Sloterdijk diesem Begriff gab, akzentuiert die Anwendung der Technik auf den Menschen – also einen züchtenden Zugriff des Menschen auf sich selbst. Damit ist der Begriff nicht einfach deskriptiv, sondern immer schon projektiv. Um die großräumige Wirkungskraft des Schlagwortes Anthropotechnik zu erfassen, muss jedoch neben der sloterdijkschen Auslegung, die den Begriff in den Geisteswissenschaften nach 2000 anschlussfähig gemacht hatte, auf seine Geschichte eingegangen werden. Bei Sloterdijk nämlich gehen die Brüche und Heterogenitäten verloren, die transnational orientierte begriffsgeschichtliche Überlegungen aufzeigen können.

Die folgenden Fallbeispiele aus Russland und Deutschland sollen zeigen, dass sich der Begriff der Anthropotechnik und die ihm verbundenen anthropologischen, philosophischen, eugenischen, humanwissenschaftlichen und technischen Diskurse gegenseitig bedingen. Anthropotechnik stellt sich dabei zugleich als produktiv und konstitutiv für Optimierungsvorstellungen heraus. Der Betriff beschreibt zwar ganz allgemein eine Anwendung der Technik auf den Menschen selbst, zeigt jedoch historisch und national gravierende Modifikationen und Unterschiede. Unterschiede, die bei einem kurzen Supermarkt-Besuch natürlich nicht ins Auge fallen, sondern einer differenzierteren Untersuchung bedürfen.

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