Ausgabe 2 - 2018 - Beatrix Langner

Migranten gegen Giganten.Oder: Wie spricht eigentlich die dritte Natur

1. Feier der Natur

Wer um 1914 am Ufer der Spree zwischen Oberbaumbrücke und Westhafen sitzt, sieht kein stillglänzendes Gewässer, sondern tote Fische an sich vorbeischwimmen, die weißen Bäuche wie Perlmutt schimmernd. Der Fluss trägt Cyanverbindungen, Schwermetalle, krankheitserregende Mikroorganismen in zunehmender Konzentration mit sich, die durch Einleitung von Abwässern von den Fabriken, Kraftwerken und Großwäschereien im Südosten durch die Stadt getragen werden. Typhus breitet sich epidemisch aus, Lungenschwindsucht. Das Problem ist nicht neu. Schon zehn Jahre vor der Einführung der unterirdischen Kanalisation dichtete Friedrich Rückert der Spree ihr Schwanenlied:

Der Spree

Ist‘s weh,

Sie kann sich nicht entschließen,

In Berlin hineinzufließen,

Wo die Gossen sich ergießen,

Wer mag es ihr verdenken?

Sie möchte lieber, wenn sie dürft‘, umlenken.

Hindurch doch muss sie schwer beklommen;

Sie kommt beim Oberbaum herein,

Rein wie ein Schwan,

Um wie ein Schwein,

Beim Unterbaum herauszukommen.

Mit der Kanalisation ist das Problem 1874 nicht gelöst. Das bis heute bestehende Berliner Mischkanalisationssystem führt dazu, dass bei starken Regenfällen die Abwässer in die Flüsse abgelassen werden müssen, damit die Brühe nicht in die Keller steigt. Die Verrieselung auf den landwirtschaftlichen Flächen im Umland reicht schon zehn Jahre später nicht mehr aus, um die Mengen an Fäkalien zu entsorgen, die so viele Menschen auf engstem Raum produzieren. Preußen erlebt seine erste ökologische Krise. Die Luft in der Dreimillionenstadt ist zu dick zum Atmen, die prächtigen Gründerzeitfassaden, die schneeweißen Statuen Unter den Linden und im Tiergarten sind bald schwarz vom Ruß der Lokomotiven und der Schornsteine. Brikettfabriken wachsen überall wie Pilze aus dem Boden, zwischen 1819 und 1856 heizt der mitteldeutsche Braunkohlentagebau die Wirtschaft an, die Stahlwerke produzieren auf Hochtouren. Schon 1903 weist der schwedische Physiker Svante Arrhenius den Zusammenhang zwischen Erderwärmung und fossilen Brennstoffen nach, aber niemand kümmert sich darum. Die Elektrizität frisst Megatonnen Kohle, überall in Europa klaffen tiefe Löcher im Leib der Erde. In anderen europäischen Hauptstädten sieht es nicht anders aus.

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