Ausgabe 4 - 2/2021 - Kilian Jörg

Was für eine Geschichte ist das Weltenende?

Intro

Das Weltenende steht zurzeit mal wieder hoch im Kurs. Die neuen ökologischen Politbewegungen skandieren, dass es „fünf vor zwölf“ sei. Wenn wir nicht sofort handeln, werde die Welt, wie wir sie kennen, enden und die ökologische Katastrophe werde außer Rand und Band geraten – so das Argument, mit dem politischer Druck aufgebaut werden soll.

In diesem Essay möchte ich diese gegenwärtig virulente Denkfigur des kurz bevorstehenden Weltenendes problematisieren und ihre politische Wirksamkeit hinterfragen. Dies unternehme ich aus einer Position der größten Sympathie mit den betreffenden ökologischen Bewegungen und der geteilten Überzeugung, dass sich unsere Lebensweisen radikal wandeln müssen. Allerdings befürchte ich, dass sich die pre-apokalyptische „Fünf-vor-Zwölf“-Mentalität als falscher Freund herausstellen könnte, der mehr zur Stabilisierung des Status Quo beitragen kann, als zu dessen Veränderung.

Unter diesen Vorzeichen möchte ich mir die Geschichte des Weltenendes etwas genauer ansehen. Hauptinspirationsquellen sind hierfür zwei „Zwillingsbücher“ (wie Karin Harrasser sie nennt): einerseits das 2014 erschienene Há mundo por vir? vom brasilianischen Anthropolog*innen- und Philosoph*innenduo Déborah Danowski und Eduardo Viveiros de Castro, andererseits das vielbesprochene Werk Staying with the Trouble (2016) der Cyberfeministin und Queer-Denkerin Donna Haraway. Mit ihrer Hilfe möchte ich gedankliche Spekulationen über das Weltenende und das Anthropozän hinaus wagen, um ein Denken, das der Erde treu bleibt (wie es Nietzsches Zarathustra anmahnt), zu ergründen. Ich plädiere dafür, uns in und hinter dem Weltenende zu denken, anstatt es als drohende Apokalypse vor uns zu sehen. Durch diese konzeptionelle Neuorientierung befreien wir uns von residual-christlichen Denkzwängen und können jenseits des Endes der Welt vielfarbigere und zukunftsfähigere Denk- und Lebensformen aufblühen lassen. Da es in der Natur der Sache liegt, dass das Weltenende eine große Erzählung ist, wird auch dieser Essay große Bögen auf vergleichsweise wenig Raum schlagen.

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