Ausgabe 4 - 2/2021 - Yuk Hui

Über KosmotechnikFür eine Erneuerung der Beziehung zwischen Technologie und Natur im Anthropozän

Es lässt sich kaum leugnen, dass das Anthropozän neben seiner offensichtlichen Bedeutung als neues geologisches Zeitalter auch eine Krise darstellt, die den Höhepunkt von zweihundert Jahren Industrialisierung markiert. Die Beziehung zwischen Mensch und „Natur“ hat einen großen Wandel durchlaufen – das konstante Auftreten ökologischer Krisen und technologischer Katastrophen hat einen solchen historischen Moment hinlänglich dokumentiert und fordert die Menschheit auf, eine neue Richtung einzuschlagen, um ihrem gebührenden Ende zu entgehen. Das Anthropozän, das von Geologen wie Paul Crutzen als Nachfolger des Holozäns verkündet wurde, ist mit solch einer historischen Bedeutung aufgeladen. Zugleich dient es als Wendepunkt, als Beginn einer anderen Zukunftsvorstellung – vorausgesetzt, dies ist überhaupt noch möglich.

Für manche politische Theologen stellt es darüber hinaus auch einen apokalyptischen Moment dar, d.h., dass es zum kairos wird, das mit dem chronos bricht, jener Tiefenzeit der Erde, die der Begründer der modernen Geologie James Hutton gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts postulierte. Ich setze das Wort „Natur“ in Anführungszeichen, da es wichtig sein wird, zunächst seine Bedeutung zu erläutern, bevor wir uns der Diskussion über ein erneuertes Verhältnis zwischen Technologie und Natur überhaupt widmen können. Seit Langem schon wird leichtfertig ein Gegensatz zwischen Technologie und Natur behauptet, der der Illusion Vorschub leistet, der einzige Weg zur Errettung bestehe darin, auf die technologische Entwicklung zu verzichten oder sie zu untergraben. Doch stoßen wir innerhalb der verschiedenen Diskurse über Transhumanismus, technologische Singularität und Ökomodernismus zugleich auch auf die entgegengesetzte Position, die die eher naive und unternehmensbegünstigende Vorstellung mit sich bringt, wir seien bald in der Lage, mithilfe fortschrittlicherer Technologie unsere Lebenssituation zu verbessern, die Umweltzerstörung wiedergutzumachen und in die Schöpfung einzugreifen (z.B. mittels DNA-Manipulation).

Innerhalb dieser Diskurse kommt es praktisch nicht mehr auf „Natur“ an, da sie bloß eine unter vielen Möglichkeiten fortschrittlicher Technologien darstellt und Technologie nicht länger nur prothetisch, d.h. als rein künstlicher Ersatz oder Zusatz fungiert; die Ordnung der Dinge scheint sich somit umgekehrt zu haben: Bei der Technologie handelt es sich nicht länger um eine Ergänzung, sondern im Kontrast zur Figur wird sie selbst zum maßgeblichen Grund.

...

Den vollständigen Text finden Sie in unserer Print-Ausgabe. Bestellen Sie jetzt die Dritte Natur direkt beim Verlag oder im Abonnement.

Kommentare