Ausgabe 4 - 2/2021 - Wolfgang Welsch

Nach dem AnthropozänKünstlerische Vermutungen

1. Die moderne Denkform und ihre Überschreitung – zur Problematik des Anthropozäns

"Wenn man den Menschen oder das denkende, die Erdoberfläche von oben betrachtende Wesen ausschließt, dann ist das erhabene und ergreifende Schauspiel der Natur nur noch eine traurige und stumme Szene. Das Weltall verstummt, Schweigen und Dunkelheit überwältigen es; alles verwandelt sich in eine ungeheure Einöde, in der sich die Erscheinungen [...] dunkel und dumpf abspielen. Das Dasein des Menschen macht die Existenz der Dinge [...] erst interessant. [...] Der Mensch ist der einzigartige Begriff, von dem man ausgehen und auf den man alles zurückführen muss."

So die exemplarische Formulierung der Denkform der Moderne durch Diderot in seinem 1755 publizierten Artikel über die Enzyklopädie.

Vierzehn Jahre später aber schreibt Diderot: „Wer kennt die Tierrassen, die uns vorangegangen sind? Wer weiß, welche Tierrassen uns folgen werden?“ - „Jedes Tier ist mehr oder weniger Mensch, jedes Mineral ist mehr oder weniger Pflanze, jede Pflanze mehr oder weniger Tier. Es gibt keine scharfe Abgrenzung in der Natur ...“ - „Alles verändert sich, alles geht vorüber [...].“ – Das schreibt Diderot in seinem Essay D’Alemberts Traum von 1769. Der Mensch hat auf einmal nicht mehr den Status des Leitwesens, nach dessen „einzigartigem Begriff“ alles zu begreifen ist, sondern er ist nur noch eine von vielen Erscheinungen in der Reihe der Evolution – und weder deren letzte noch ihre höchste. Vom Menschen aus die Welt begreifen zu wollen, wäre nur noch schlechter Anthropo­zentrismus. Das neue Maß ist der „allgemeine Fluss“ der Evolution. Und dieser verstattet keine Auszeichnung des Menschen mehr.

Diese beiden Äußerungen charakterisieren noch die Problematik des Anthropozäns, in dem wir uns gegenwärtig befinden. Da ist zum einen das moderne Dogma von der Souveränität des Menschen. Es hat uns – zumal durch seine technologischen Auswirkungen – an den Rand des Zusammenbruchs unserer Lebensbedingungen geführt. Und da ist zum anderen der Gedanke der Evolution. Von ihm aus könnte man das Ende der menschlichen Zivilisation geradezu als einen natürlichen Vorgang begreifen. Wenn im Verlauf der Evolution 99 Prozent der jemals entstandenen Arten wieder ausgestorben sind, warum sollte es dann ausgerechnet bei unserer Art anders sein? Wir sind auf die Natur angewiesen, aber die Natur ist nicht auf uns angewiesen. Die Natur wird auch ohne uns Menschen fortbestehen und ohne Störung durch uns neue und interessante Arten hervorbringen.

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