Ausgabe 1 - 2018 - Andrej Platonow

Licht und Sozialismus (1921) Volltext online

In der ganzen Welt geht jetzt der schöpferische Geist des Sozialismus um. Gleichzeitig aber müssen (und das geschieht bereits) die Äquivalente des Sozialismus in der Physik, Chemie, Technik, Biologie etc. erschaffen werden, andernfalls ist der Sozialismus undenkbar und unmöglich.
Wir wollen uns hier mit dem technischen Äquivalent des Sozialismus befassen.
Die sozialistische Technik muss eine solche Energie finden und zu nutzen verstehen, die für die Menschheit fast automatisch all die kolossale Menge an Gütern erzeugt, von der der Kapitalismus nicht die geringste Vorstellung hat. Der Sozialismus braucht eine ihm äquivalente physikalische Kraft, damit er durch sie eine unumstößliche Tatsache wird und seine Herrschaft in der Welt behauptet. Doch das muss eine Kraft von grenzenloser Stärke sein, überall vorhanden und immer verfügbar zur wirtschaftlichen Nutzung, eine Kraft, die den Menschen von niederen Formen der Arbeit befreit.
Der Name dieser Kraft ist Licht, gewöhnliches gestreutes Sonnenlicht, doch auch das Licht des Mondes und der Sterne. Und genau diese Kraft wollen wir in unsere Werkbänke einspannen. Von ihr gibt es im Weltall so viel, wie es Raum gibt. Im Folgenden werden wir sehen, dass Licht und Raum ein und dasselbe sind.
Die wirtschaftliche Stärke der kapitalistischen Gesellschaft beruhte auf Kohle und Eisen und einer dementsprechenden sozialen Organisation. Die ungleichmäßige Verteilung der natürlichen Brennstoffvorkommen auf der Erde, die geringe Anzahl dieser Energievorräte – all diese natürlichen Bedingungen bildeten die Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise. Die Elektrifizierung überwindet zum Teil diese für die sozialistische Wirtschaft ungünstigen natürlichen Bedingungen und bricht mit der Abhängigkeit der Energieversorgung vom geographischen Standort. Aber eben nur teilweise. Wir brauchen jedoch eine vollständige Lösung des Problems. Nur dann ist es möglich, den Sozialismus zu erschaffen und ihn im Voraus zu definieren, wenn wir wissen, welche physikalische Kraft und wie man diese Kraft in die sozialistische Produktion einspeisen kann.
Diese Kraft ist das Licht.

Der Raum ist, nach neuesten wissenschaftlichen Theorien, elektromagnetischer Natur. Von seiner physikalischen Funktion her ist der Raum ein elektromagnetisches Wechselfeld. Denn das Licht ist ein elektromagnetisches Wechselfeld mit einer sehr hohen Periodenfrequenz – den Schwingungen; in der Sekunde beträgt die Anzahl der Schwingungen ungefähr 500 Billionen. Und die Länge der elektromagnetischen Lichtwellen beträgt ungefähr 0,6 Mikron .
Somit besteht kein prinzipieller Unterschied zwischen dem elektrischen Strom, der eine Glühlampe zum Leuchten bringt, und dem Licht der Sonne. In Woronjesch erzeugt der Dynamo des Kraftwerks einen Wechselstrom von 50 Schwingungen in der Sekunde und einer Wellenlänge von 3 Kilometern (für die Genauigkeit der Angaben bürge ich nicht, da ich sie nur aus dem Gedächtnis wiedergebe).
Weit entfernt von jeglichen poetischen Wortexkrementen sagen wir, was wir sehen, fühlen und wissen: Die einzige uns bekannte physikalische Funktion des Raums – ist das Licht, welches ein elektromagnetisches Wechselfeld mit einer unfassbaren Anzahl von Schwingungen in der Sekunde und einer unvorstellbar kleinen Wellenlänge ist. Licht und Elektrizität sind ein und dasselbe. Raum und Zeit aber sind alles, was wir über die Welt wissen. Alles, was wir wissen, sind kombinierte Funktionen von Raum und Zeit.
Die Elektrizität aber ist alles, was wir über den sogenannten »einen« Raum wissen – den Äther.
Wir wollen uns nicht in theoretische Gefilde begeben, denn reine Theorie ist der Aberglaube einer sterbenden Epoche, uns jedoch interessiert mehr als die Wahrheit das materielle Produkt, mehr als die Gerechtigkeit der Fakt der Herrschaft.
Wir sagen einfach, dass der Sozialismus auf einer solchen physikalischen Kraft aufgebaut werden muss, die am billigsten ist, am meisten verbreitet und deren Vorräte sich niemals erschöpfen (es gibt so viel Licht, wie es Raum gibt), d. h. mit der Energie des Lichts und aus Licht müssen wir den Kommunismus gießen und formen.
Das ganze Weltall ist im Grunde genommen ein Reservoir, ein Akkumulator elektrischer Energie, denn das Weltall ist vor allem Raum und der Raum vor allem ein elektromagnetisches Wechselfeld. Betrachten wir aber die Geschichte allein unter dem Gesichtspunkt der praktischen Lösung des Energieproblems, dessen endgültige Bewältigung in der vollständigen, hundertprozentigen Nutzung des Weltalls durch den Menschen ohne den geringsten Aufwand an menschlicher Kraft besteht, dann können wir sagen: Die Nutzung des Lichts für die Wirtschaft ist die optimale Lösung des Energieproblems in unserer Zeit. Vergegenwärtigen wir uns, dass die Basis der Pflanzenwelt das Licht ist. Lasst uns das Licht also auch zur Basis der Menschenwelt machen. Und dafür müssen wir die ganze Technik zur Lichttechnik hinführen, die ganze Physik (und vielleicht auch die Chemie) zur Elektrik.
Die Lichttechnik muss einen solchen Mechanismus konstruieren, der das Licht der Sonne in gewöhnlichen elektrischen Arbeitsstrom verwandelt, der für unsere Elektromotoren geeignet ist. Dieser Mechanismus ist schon zur Hälfte fertig konstruiert. Er heißt photoelektromagnetischer Resonanz-Transformator. Seine Bestimmung ist es, das Licht, diesen Himmelsstrom, in irdischen, menschlichen Strom umzuwandeln. Im Falle der erfolgreichen Lösung dieser technischen Aufgabe (wir wollen sie hier nicht im Detail erörtern) wird das Licht und mit ihm das ganze Weltall für viele unerschöpfliche Jahrhunderte zum »Proletarier« der Menschheit, und die Menschheit wird diese Energie mit keinerlei Maschinen, Widerständen und Vorrichtungen jemals verbrauchen. Selbst die Energie des von Rutherford gespaltenen Atoms ist nichts im Vergleich zur Energie des Ozeans aus Licht.

Im Sozialismus ist die Grundlage des menschlichen Schöpfertums nicht eine willkürliche Laune, nicht der Zufall, die Inspiration oder Intuition, sondern das Bewusstsein. Und deshalb muss der photoelektromagnetische Resonanz-Transformator, wenn er noch nicht erschaffen wurde, mit bewusster Anstrengung des Willens erschaffen werden, ist er doch notwendig für die Nutzbarmachung des Lichts, und das Licht – für den Sozialismus. Denn das Licht muss die Grundlage der sozialistischen Wirtschaft sein – oder es wird niemals Sozialismus geben, sondern eine »ewige Übergangsepoche«. Der Sozialismus kommt nicht früher (sondern etwas später) als die Einspeisung des Lichts als Motor in die Wirtschaft. Und erst dann erwachsen aus der Schöpferkraft des Lichts: die sozialistische Gesellschaft, der neue Mensch – ein Wesen, erfüllt vom Bewusstsein, dem Wunder und der Liebe –, die kommunistische Kunst – diese kosmische Skulptur, planetarische Architektur –, und erst dann vollzieht sich die Vereinigung der Menschheit zu einem einzigen körperlichen Wesen, und die Kunst, wie wir sie jetzt kennen, wird nicht mehr notwendig sein, denn Kunst ist das Korrektiv der revolutionären Materie in einem reaktionären Bewusstsein, im Kommunismus jedoch sind Materie und Bewusstsein eins.
In der Epoche des Lichts verwirklichen wir mit eben jenem Licht auch den interstellaren Verkehr und wir werden (weil wir sie bis in ihre tiefsten Tiefen umgestalten) die Elektrizität ergründen – diesen Schlüssel zur Erkenntnis des Weltalls und das Schwert, es zu besiegen.

Aus dem Russischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Michael Leetz

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