Ausgabe 4 - 2/2021 - Friedrich Liechtenstein und Thomas Friedl

Die Zeit der Eiche ist vorbeiJetzt ist die Zeit der Alge

Was die Alge ist und was sie kann

Die Alge kann alles: Sie war die erste, sie ist extremophil, kryptogam, an Land, zu Wasser und in der Luft. Sie erfand, wie man sich nur mit Hilfe des Lichts, des Kohlendioxids in der Luft und mit Wasser in der Welt behauptet. Die Alge ist für mich, Friedrich Liechtenstein, ein Vehikel, die Welt als System zu betrachten.

Wenn ich sage, „die Zeit der Eiche ist vorbei, jetzt ist die Zeit der Alge“, bezieht sich das für mich auch auf die Vorstellung von der Welt: Etwas hat Wurzeln, Stamm, Krone und Früchte. Dieses Bild hat ausgedient, es ist nur ein Modell von vielen. Wenn wir uns nicht mit den Bäumen, sondern mit den Algen vergleichen, bekommt unser scheinbar chaotisches Walten eine schöne und stabile Struktur, eine Gestalt wie in den Darstellungen von fantastischen Algenphänomenen, als Entsprechung für das Vergessen, das Leuchten und die Unsterblichkeit. Es gibt dann wiedererkennbare Muster in Abbildungen von Algenblütenexplosionen und unseren Spuren im Internet, von Imitationen und Symbiosen oder in einer Darstellung der Vereinigung von Organismen. Der Baum als Sinnbild für die Entstehung von Arten, von Konzernen und die Entwicklung von Vermögen in Bausparverträgen hat ausgedient.

Die Eiche ist hier der Stellvertreter für den Baum. Interessanterweise passt der Baum aber auch in die Welt der Algen, denn der Baum war früher selbst eine Alge, bevor aus ihm ein Baum wurde. Eine Alge, die nicht mehr alles, was sie fraß, verarbeiten konnte und Endosymbiosen erfand. Baumliebhaber müssen sich also nicht grämen, sie sind im Spiel.

Die Menschen neigen dazu, sich in der Natur etwas zu suchen, um ihr Leben bzw. ihre Entwicklung im Leben zu beschreiben, wie etwa den Baum. Die Alge ist da sehr gut geeignet. Sauerstoff ist für sie wie ein Zündstoff, der höchst aggressiv wirkt, gleichzeitig aber auch das ermöglicht, was wir als Leben bezeichnen. Ich mag das Anekdotenhafte, das Kleinteilige, aber auch das Große an Algen. Es gibt riesige Algen, etwa die Kelpwälder in Polnähe. Sie wachsen manchmal 80 Zentimeter am Tag und werden bis zu 110 Meter lang. Es gibt Algen, die so tun, als wären sie Pflanzen. Darunter sind sehr wohlschmeckende, solche, die viel Kraft besitzen, aber auch ganz kleine Formen, die so hübsch sind, dass sie ein beliebtes Geschenk abgeben – wie die Kieselalgen. Es ist ein Genuss, sie unter dem Mikroskop zu betrachten.

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